Päckchen zu Weihnachten

Ich habe eine prägende Erinnerung an die Weihnachtszeit aus meiner Kindheit. Wir lebten im Osten von Belarus in der Gegend, die durch Tschernobyl verseucht wurde. Ende Dezember bekamen wir Pakete aus dem Westen. Das geschah im Rahmen von „gumanitarka“ – humanitäre Hilfe – und hatte etwas Magisches in sich.

Diese Pakete kamen aus Deutschland, Italien oder England. Doch für uns kamen sie wie von einem anderen Planeten. Während bei uns Anfang der 90er Mangelware und Not herrschten, gab es in diesen Päckchen alles Mögliche: Kakaopulver, Bonbons, Konserven. In Zeiten, in denen es nur zu besonderen Anlässen (und am Tag der Gehaltsauszahlung) Fleischwurst gab, war Salami besonders begehrt. Wer sowas in seinem Päckchen hatte, konnte bei Freunden und Kollegen damit angeben, erinnert sich meine Mutter heute.

In diesen Päckchen gab es auch Sachen, die uns völlig fremd waren. Zum Beispiel rätselte die ganze Nachbarschaft darüber, wozu die braunen Papierdreiecke gut sein könnten. Eine Kaffeefiltermaschine besaß in unserem Wohnheim natürlich keiner. Über Lakritz-Bonbons war man sich nicht einig, ob das nicht irgendwelche Medikamente waren. Sie schmeckten komisch. „Wollen die aus dem Westen uns vergiften?“ meinte eine Nachbarin. Meine Mama legte die Bonbons vorsichtshalber zur Seite und ließ sie dann in der Mülltonne verschwinden. Der eiserne Vorhang war erst vor kurzem gefallen, kein Wunder, dass man nach jahrzehntelangem Brainwashing skeptisch gegenüber dem Westen war.  Aus diesem Grund wollte meine Mutter auch nicht, dass ich als „Kind von Tschernobyl“ im Sommer mal zur Erholung in den Westen fahre. „Wenn du erwachsen bist, kannst du gehen, wohin du möchtest“, sagte sie mir zum Trost. Als hätte sie es geahnt, lebe ich heute in Deutschland.

Vor ein paar Tagen durfte ich zum ersten Mal ein Weihnachtspäckchen für eine unbekannte Familie packen. Unser Kindergarten unterstützt die Aktion der Bonner Tafel. Während ich in dem Paket und meinen Erinnerungen stöberte, brachte mein 4-jährige Sohn sein kleines Weihnachtsbüchlein. Das legte ich natürlich in das Päckchen mit rein. In Dankbarkeit an all die Außerirdischen, die Weihnachtspakete nach Belarus geschickt haben (und das immer noch tun).

paket

 

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